Studiendekanin Prof. Dr. Sabine Woydt begrüßt internationalen Filmemacher Valentin Thurn.
Verantwortungsvoller Umgang mit Lebensmitteln: Food-Experten von morgen beim Studium Generale.
Engagiert nicht nur mit seinen Filmen: Thurn initiiert Lebensmittel-Projekte wie Food Sharing, Taste of Heimat und den Ernährungsrat Köln.

Zwischen 250 000 Euro-Burger und Hungerkatastrophen - Filmemacher Thurn Gast beim Studium Generale

Zwischen 250 000 Euro-Burger und Hungerkatastrophen - Filmemacher Thurn Gast beim Studium Generale

10. November 2015

Valentin Thurn, vielfach ausgezeichneter Filmemacher, Buchautor und Medienexperte, dreht Herzensprojekte. 2007 entstand die Filmidee zum Projekt „Taste the Waste“ aus einer Reportage über Mülltaucher heraus. Das war auch das Geburtsjahr des deutschlandweit einzigartigen Studiengangs Food Management. Beide verbindet die Philosophie des verantwortungsvollen Umgangs mit Lebensmitteln. Am Mittwoch, den 20.10.2015 trafen engagierte Studierende auf den Experten zum Thema globale Ernährung und Lebensmittelverschwendung. Prof. Dr. Woydt, Studiendekanin Food Management, begrüßte Thurn zum sechsten Studium Generale an der DHBW Heilbronn.

Filme machen, seinen eigenen Müll reduzieren, Lebensmittelreste verteilen – Thurn redet nicht, er macht. Und wenn er redet, dann tut er das unaufgeregt und bodenständig, in klaren, wenn gleich erschreckenden Zahlen. Auf der Erde leben im Moment 9,7 Milliarden Menschen, davon leidet eine Milliarde unter Hunger und zwei Milliarden kämpfen mit den Folgen von Fehlernährung. Auf der anderen Seite werfen die Europäer so viele Nahrungsmittel weg, dass man 500 000 Lastwagen damit füllen könnte. Wenn man die Fahrzeuge hintereinander aufreiht, reicht die Schlange von Berlin bis Peking. „Wir haben uns vom Ursprung unserer Lebensmittel entfernt. Darum erfahren Lebensmittel nicht die nötige Wertschätzung", so Thurn. Und was man nicht schätzt, davon kann man sich leichter trennen. 40 Prozent der Lebensmittelabfälle gehen auf das Konto des Verbrauchers. Dabei gibt es Unterschiede: Laut Studien neigt die ältere Generation weniger zur Verschwendung.

Vom Acker bis zum Teller – die Produktionskette ist lang und die Interaktionen komplex: Landwirtschaftsbetriebe, Lebensmittelindustrie, der Handel, die Politik und der Konsument teilen sich die Verantwortung für die Verschwendung. Daher gibt es im Moment keinen Gesamtansatz, sondern nur Insellösungen. England hat angesichts überquellender Mülldeponien europaweit ein Pilotprojekt gestartet: Dank freiwilliger Vereinbarungen mit Lebensmittelhändlern und der Industrie konnte der Lebensmittelabfall bereits um 5 Prozent gesenkt werden.

Frankreich reagiert mit Supermärkten wie Ecodestock, die preiswert Lebensmittel nahe oder über dem Mindesthaltbarkeitsdatum anbieten. Die Plattform Food Assembly verfolgt einen anderen Ansatz: Über das Internet können Verbraucher ihre Lebensmittel direkt beim Erzeuger bestellen, der dann die Bestellung auf dem Wochenmarkt liefert. Beide Seite profitieren: Der Erzeuger behält 80 Prozent der Einnahmen, der Verbraucher weiß genau, wo sein Essen herkommt. Darauf legt auch Thurn den Finger: „Wir müssen die Verbraucher wieder den Lebensmitteln näher bringen."

Während Europa im Überfluss lebt, kämpfen Menschen in anderen Teilen der Erde ums Überleben. Auf die Frage eines Studenten: „Wie kriegen wir denn jetzt 10 Milliarden satt?", geben Thurn und sein neuer Film Antworten in Extremen. Während in Japan Salate in 21-stöckigen Hochhäusern angebaut werden, starten in Indien nachhaltige Initiativen: In Oryza stellen Kleinbauern jetzt ihr eigenes Saatgut her und bewahren alte Sorten, die robuster und widerstandsfähiger sind. Damit entkommen sie den Saatgut-Kredithaien und der hohen Verschuldung.

Ein Labor in Maastricht tüftelt am derzeit teuersten Hamburger der Welt. 250 000 Euro – den Gegenwert eines Einfamilienhauses – kostet derzeit ein Paddy aus reproduktiv erzeugten Fleischzellen. Nicht nur die Forscher sind von ihrem Projekt überzeugt, Google-Gründer Sergej Brin steht als Geldgeber dahinter. Aus Stammzellen erzeugtes Fleisch essen klingt momentan noch ungewohnt, kann aber zwei Probleme lösen: Für dieses Fleisch müssen keine Tiere sterben und der Futtermittelanbau wird drastisch reduziert. Auf 70 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen werden Futtermittel angebaut.

Ob er sich Sorgen um TTIP mache, fragt ein Student. Thurn denkt dabei nicht so sehr an die Chlorhühnchen, sondern an die Schiedsgerichte, die demokratisch verabschiedete Gesetze aushebeln. Wie die Politik denn zur Lebensmittelverschwendung stehe, fragt ein anderer. Thurn ist eindeutig: Die Gesetze unterstützen die großstrukturierte Landwirtschaft.

Dabei ist für Thurn die  Kleinvermarktung der Rettungsanker aus der Verschwendungsfalle. Das beweist auch sein neuestes Projekt „Taste of Heimat". Auf dieser Webseite finden Verbraucher regionale Erzeuger in ihrer Umgebung, können sich über die Angebote informieren und – wenn alles nach Thurns Plan läuft – ihr Einkaufsverhalten umstellen und öfter beim Direktvermarkter vorbeischauen. „Jeder kann etwas tun, die Situation zu ändern. Das funktioniert nicht nur im Kleinen. An Fukushima haben wir gesehen, Politik reagiert auch auf Druck von unten." Damit rannte er bei den Studierenden offene Türen ein, viele hatten bereits seine Filme gesehen und blieben auch nach offiziellem Ende des Vortrags noch für eine verlängerte Fragestunde