Pink war eine der vorherrschenden Farben unter dem Publikum.
Blick ins Publikum: Über 140 Frauen und einige Männer waren gekommen, um über den Stand der Frauen in der Gesellschaft zu diskutieren.
Muhterem Aras, die baden-württembergische Landtagspräsidentin, forderte mehr Engagement und mehr Frauen in den Parlamenten der BRD.
Silvia Payer, die Frauenbeauftragte der Stadt Heilbronn, freute sich über das Engagement aller Beteiligten und die hohe Resonanz.
Prof. Dr. Ruth Fleuchaus zog Bilanz nach 100 Jahren Frauenwahlrecht: "Wir haben noch viel zu tun."
Genderforscherin und Wissenschaftlerin Beate Rosenzweig beleuchtete die Hintergründe der Politikverdrossenheit.
Referentin Andrea Schiele, Fachkraft für Rechtsextremismus-Prävention, warf einen genauen Blick auf das Wahlprogramm der AfD und die Rolle der Frau und Familie.
Netzfeministin und Soziologin Nadja Shehadeh bloggt auf ihrer Seite "Shehadistan" nicht nur über Feminismus, sondern über Diskriminierung von Migranten und Behinderten.

100 Jahre Frauenwahlrecht - Längst nicht am Ziel?!

100 Jahre Frauenwahlrecht - Längst nicht am Ziel?!

22. März 2019

Über 150 engagierte Frauen, aber auch einige Männer trafen sich am Freitag, den 15. März 2019, zur Veranstaltung „100 Jahre Frauenwahlrecht. Längst nicht am Ziel?!“ an der Hochschule Heilbronn. Eine Veranstaltung, die zeigt, was Frauen, die gemeinsam an einem Strang ziehen, bewirken können.

Nicht weniger als zehn Veranstalterinnen haben auf Initiative der städtischen Frauenbeauftragten Silvia Payer die Jubiläums-Tagung organisiert, darunter vom Heilbronner Frauenrat die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, der DGB Baden-Württemberg Geschäftsstelle Heilbronn, das DHB Netzwerk Haushalt e.V., die Evangelische Akademie Bad Boll, die Grünen Frauen Heilbronn, die Leitstelle zur Gleichstellung der Frau Stadt Heilbronn, darüber hinaus das Referat für Gleichstellung und Diversität der Hochschule Heilbronn, die vhs Heilbronn gGmbH und das Referat für Gleichstellung der DHBW Heilbronn.

Datum mit Strahlkraft

„Es gibt Jubiläen, in denen steckt eine ganz besondere Kraft“, freute sich Muhterem Aras, Key-Note-Speakerin und erste Landtagspräsidentin Baden-Württembergs. Ihr eigenes Beispiel leuchtet: Geboren in einem ostanatolischen Dorf, kam sie 1978 mit ihren Eltern nach Stuttgart Filderstadt. 1992 trat sie den Stuttgarter Grünen bei. Bereits fünf Jahre später übernahm sie den Fraktionsvorsitz im Stuttgarter Gemeinderat, den sie auch beibehielt, als sie schwanger wurde. Mit ihrer Wahl 2016 zur baden-württembergischen Landtagspräsidentin war sie deutschlandweit das erste Mitglied der Grünen, die erste Muslimin sowie in Baden-Württemberg die erste Frau in diesem Amt.

Mehr Frauen in die Politik

100 Jahre Frauenwahlrecht – Zeit zu feiern, Zeit anzustoßen, aber auch schon Zeit, sich zurückzulehnen? Dass in der Bundesrepublik eine Frau an der Spitze der Politik steht, scheint trügerisch. Denn der prozentuale Anteil der Frauen im Bundestag ist mit 31,3 Prozent so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Für Aras als ehemalige Kommunalpolitikerin besonders eklatant: In 26 Gemeinderäten Baden-Württembergs ist gar keine Frau vertreten. „ Die Stimme der Frau dort ist nicht leise, sie taucht gar nicht erst auf. Unsere Stimme muss lauter werden“, fordert Aras am Schluss ihrer flammenden Rede. Aber warum zieht es so wenige Frauen in die Politik?

Gläserne Decke für Politikerinnen

Einen Blick hinter die Zahlen und Gründe warf die erste Referentin Dr. Beate Rosenzweig, stellvertretende Leiterin des Studienhauses Wiesneck. Die Genderforscherin hat Kommunalpolitikerinnen befragt und einen Mix an Gründen gefunden: „Frauen stört die Ellenbogenmentalität der Politiker auch innerhalb der eigenen Partei. Außerdem fällt es schwer, Mandat, Familie und Arbeit zu vereinen.“ Durch die bestehenden Geschlechterrollen sei es für Frauen schwerer, sich zu behaupten. Und nicht jede Politikerin vertritt frauenpolitische Interessen.

Rolle rückwärts? – Bild der Frau im Rechtspopulismus

Andrea Schiele, Fachkraft für Rechtsextremismusprävention und Vertreterin des DGB, warf einen Blick auf das Frauenbild der Rechtspopulist*innen. Von außen betrachtet, wird die AfD von Frauen repräsentiert, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen und deren Lebenswirklichkeit vom Parteiideal deutlich abweicht: Alice Weidel lebt mit einer aus Sri Lanka stammenden Filmproduzentin in eingetragener Partnerschaft und zieht gemeinsam mit ihr zwei Söhne groß. Doch auch hier lohnt ein Blick hinter die Kulissen. Mit elf Prozent ist die Frauenquote in der AfD die niedrigste aller Parteien im Bundestag. Rechtspopulist*inen, so Schiele, verstehen es sehr genau, Stimmungen zu sondieren und feinfühlig aufzugreifen. Sie spielen mit der Angst vor Veränderungen und den unsicheren Perspektiven. Einfache Antworten fallen auf fruchtbaren Boden. Die Frau findet sich im Parteiprogramm der AfD vor allem in der Mutterrolle wieder. Die Forderung, die Geburtenrate zum „Erhalt des Volks“ zu erhöhen, reduziert nicht nur die Wertschätzung der Frau, sondern hat nationalistische Tendenzen. 

 

Herausforderung Mainstream

Dass Antifeminismus und Rassismus oft Hand in Hand gehen, das hat Bloggerin, Netzfeministin und Soziologin Nadia Shehadeh selbst erfahren. Daher bloggt sie auf der Seite der „Mädchenmannschaft“ nicht nur über feministische Themen, sondern auch über Diskriminierung gegen Behinderte und Migrant*nnen. Rechtspopulismus, so auch ihre Erfahrung, sei wieder salonfähig geworden. Umso schwerer ist es, die Allgemeinheit für den Feminismus zu interessieren und zu begeistern – online und offline. Da ihre Kampagnen sich auf bestimmte Themen fokussieren und oft aus einer Gegenposition heraus argumentieren, erreichen die Netzfeministinnen den Mainstream nur bedingt. Doch Hashtag-Kampagnen wie #aufschrei, #metoo und #schauhin waren deutschlandweit sehr erfolgreich. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass sich viele verschiedene Menschen mit ihren Geschichten an politischen Debatten beteiligen konnten.

 

Noch längst nicht am Ziel

Nach den Vorträgen waren alle Beteiligten dazu eingeladen, die Themen in drei verschiedenen Workshops zu vertiefen. Fazit: Die Trennung zwischen weiblichen und männlichen Rollen herrscht in vielen Köpfen noch heute vor. „Das zeigt, dass wir noch längst nicht am Ziel sind. Es gibt noch viel zu tun“, so die Prorektorin der Hochschule Heilbronn Prof. Dr. Ruth Fleuchaus.