Interview mit Anke Kube: „Ich möchte weder auf meinen Sohn noch auf mein Studium verzichten“

Anke Kube ist während ihres dualen Studiums an der DHBW Heilbronn Mutter geworden. Ihr Studium hat sie trotz Kind innerhalb der Regelstudienzeit erfolgreich abgeschlossen. Im Interview mit Prof. Dr. Ludwig Hierl berichtet sie, wie es ihr gelungen ist, Kind und duales Studium miteinander zu vereinbaren.

Hierl: Frau Kube, Sie sind mit 26 Jahren stolze Mutter eines einjährigen Sohnes und duale Studentin. Viele Leser dieses Interviews vermuten wahrscheinlich, dass sich diese beiden Aufgaben ausschließen und nicht verbinden lassen. Teilen Sie diese Ansicht nach heutigem Erfahrungsstand?

Kube: Eine Schwanger- und Mutterschaft in Verbindung mit einem Studium sind in der Tat eine enorme Herausforderung. Diese kann jedoch bei entsprechendem Willen erfolgreich gemeistert werden. Ich bin froh, dass ich beides realisieren kann und ich möchte weder auf meinen Sohn noch auf mein Studium verzichten.

Hierl: Wann genau wurde Ihr Sohn geboren und in welcher Studienphase waren Sie zu diesem Zeitpunkt?

Kube: Unser Sohn Marius wurde am 6. April 2016 geboren. Zu diesem Zeitpunkt belegten meine Kommilitonen das 4. Studiensemester.

Hierl: Möchten Sie etwas dazu sagen, ob die Schwangerschaft geplant war?

Kube: Klar. Mein 33jähriger Freund Michael und ich finden Kinder ein unglaublich sinn- und freudegebendes Element des Lebens. Wir wollten, dass ein Kind von uns kein Einzelkind bleibt und haben daher die Entscheidung für ein erstes Kind bewusst frühzeitig getroffen und nicht weiter aufgeschoben. Viele denken häufig, dass irgendwann später ein besserer Zeitpunkt für eine Familienplanung kommen würde. Aber gerade die Studienzeit ist dafür vielleicht sogar die beste Zeit, nicht nur aus biologischen Gründen.

Hierl: Ihr Studienverlaufsplan ist durch die Schwanger- und Mutterschaft natürlich etwas durcheinander geraten. Welche Anpassungen gab es konkret, um ein erfolgreiches Gelingen doch noch zu ermöglichen?

Kube: Am einfachsten wäre es natürlich gewesen, wenn ich ein Jahr ausgesetzt hätte und im Nachfolgejahrgang wieder eingestiegen wäre, aber dies wollte ich nicht. Ich wollte Auszeiten auf ein Minimum begrenzen und die Regelstudienzeit möglichst einhalten. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich unmittelbar vor Marius bereits schwanger war, unser Sohn Noah allerdings nach 6 Monaten tot geboren wurde. Das 3. Semester konnte ich trotz Schwangerschaft noch erfolgreich meistern. Nach der Geburt von Marius war ich zunächst drei Monate zuhause und habe dann während der Elternzeit bereits wieder auf verminderter Stundenbasis im Praxissemester gearbeitet. Mein 5. und 6. Semester habe ich wie ursprünglich geplant abgeschlossen und hole derzeit das zunächst ausgesetzte 4. Semester nach.

Hierl: Dies klingt nach keinem einfachen Weg und es galt wahrscheinlich auch, einige organisatorische Hürden zu meistern?

Kube: Sowohl für die Hochschule, als auch für meinen Arbeitgeber war dies eine sehr herausfordernde Situation, die es in dieser Form wohl noch nicht gegeben hat. Ich bin jedoch sehr glücklich und dankbar, dass es in der heutigen Zeit selbstverständlich geworden ist, nicht Probleme zu sehen, sondern gemeinsam Lösungen zu finden. Es ist unglaublich erleichternd und hilfreich, wenn man sich nicht nur jederzeit mit seinen Problemen an jemanden vertrauensvoll wenden kann, sondern wenn man auch sofort tatkräftig und mit ganzem Herzen unterstützt wird.

Hierl: Konnten Sie vor der Geburt von Marius in etwa abschätzen, welche Herausforderungen auf Sie zukommen werden?

Kube: Ehrlich gesagt nein. Wir waren aber davon überzeugt, dass es schon irgendwie funktionieren wird.

Hierl: Schildern Sie uns gerne Beispiele, wie Sie welche Herausforderungen gelöst haben.

Kube: Die üblichen, leider sehr zahlreich durchzuführenden Ämtergänge waren noch das geringste Problem. Aufgrund der räumlichen Distanz von unserem Wohnort zu meinem Studienort (ca. 530 km einfache Wegstrecke) mussten wir beispielsweise in kürzester Zeit ein logistisches Modell für das Stillen von Marius entwickeln und perfektionieren. Während der Theoriephase konnte ich fast nur am Wochenende zuhause sein. Obwohl das Abpumpen und Einfrieren von Muttermilch per se bereits belastend ist, gelang es uns, Marius sieben Monate mit Muttermilch zu ernähren.

Hierl: In Ihrem individuellen Fall kam leider auch noch Murphys Law zum Tragen und Sie mussten und müssen die unglückliche Verkettung von weiteren Ereignissen verkraften.

Kube: Leider ja. Marius hat seit der Geburt einen schweren Herzfehler. Derzeit müssen wir nebenbei eine erneut erforderliche Operation abstimmen. Zudem hatte mein Freund gerade jetzt, wo ich mit dem 4. Semester wohl die lernintensivste Studienphase nachhole, einen Arbeitsunfall.

Hierl: Können Sie auf großelterliche Hilfe und die Hilfe einer Tagesmutter zurückgreifen?

Kube: Prinzipiell hatten und haben wir in diesem Bereich Hilfe, ohne die wäre es definitiv auch nicht möglich gewesen, die Herausforderungen wären dann doch zu groß gewesen. Mein Freund ist in Vollzeit angestellt, meine Schwiegermutter zu 70 %, beide arbeiten in ihren Berufen im Schichtdienst, sodass hier detaillierte Abstimmungen im Vorfeld wichtig waren. Auch unter Einbezug meiner Eltern, die von unserem Wohnort etwa 30 km entfernt wohnen und voll berufstätig sind. Unsere Tagesmutter Ella ist zum Glück sehr flexibel und konnte immer wieder kurzfristige Betreuungsprobleme lösen helfen. Selbst wenn es uns gelang, Schicht- und Stundenpläne perfekt abzugleichen, bedingt das duale System leider auch kurzfristige Änderungen. Wenn beispielsweise Lehrveranstaltungen von Dozenten krankheitsbedingt kurzfristig verschoben werden mussten, drohte das zuvor mühsam abgestimmte Konzept zusammenzubrechen.

Hierl: In Heilbronn stehen Krippen-/Kita- sowie Kindergartenplätze weitgehend kostenfrei zur Verfügung. War es für Sie eine Option, Marius während den Theoriephasen hierher mitzunehmen?

Kube: Ein Baby benötigt ein möglichst konstantes Umfeld, eine Betreuung lediglich in den etwa dreimonatigen Theoriephasen in Heilbronn schied daher eigentlich bereits aus diesem Grund aus, selbst wenn Betreuungs- und Vorlesungszeiten einigermaßen zur Deckung gebracht hätten werden können. Des Weiteren sollte ein Baby möglichst nicht länger als drei Stunden im Auto befördert werden. Bei Wochenendheimfahrten zur Familie wäre dies bei uns sogar zweimal wöchentlich erforderlich gewesen. Weil eine Kostenfreiheit für Betreuungsmöglichkeiten zudem nur gewährt wird, wenn ein Wohnsitz im Stadtgebiet Heilbronn vorliegt, dafür dann allerdings wiederum eine Zweitwohnsitzsteuer anfällt, kann selbst das finanzielle Argument nicht vollumfänglich überzeugen.

Hierl: Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie für studentische Eltern?

Kube: Die Wohnsituation im Großraum Heilbronn ist insbesondere für studentische Eltern leider sehr unvorteilhaft. Ein größerer Wohnflächenbedarf übersteigt in der Regel die finanziellen Möglichkeiten deutlich. Während darüber hinaus Studentenpartys in Wohnheimen tendenziell toleriert werden, fehlt diese Toleranz derzeit leider noch bezüglich der Akzeptanz von Kindern. In meinem Fall hätte ich den Wohnheimplatz wohl verloren, sofern ich Marius bei mir mit untergebracht hätte.

Hierl: Lassen Sie uns abschließend noch in Ihre berufliche Zukunft blicken. Durch die Bewältigung Ihrer Familiensituation haben Sie zweifelsfrei unter anderem gelernt, zu priorisieren und Herausforderungen unter einem teils sehr hohen physischen und psychischen Druck erfolgreich zu bewältigen. Gibt es weitere Argumente, die für eine Karriere im Berufsleben sogar förderlich sein können, wenn sich eine Frau bewusst früh für ein Kind entscheidet?

Kube: Gegenwärtig haben nach wie vor viele (männliche) Arbeitgeber Angst, dass eine noch kinderlose Frau nach einem Einstieg ins Berufsleben in absehbarer Zeit Kinder anstrebt und dann vielleicht sogar als Unterstützung dauerhaft ausfällt, weil sie dann zuhause bei der Familie bleiben könnte. Ein Kind kann daher sogar karrierefördernd sein, weil eine Mutter dann einerseits (früh) lernen musste, Mehrfachbelastungen zu meistern und andererseits gezeigt hat, dass sie dennoch weiter beruflich tätig und erfolgreich sein möchte.

Hierl: Liebe Frau Kube, ich danke Ihnen sehr herzlich für das offene Gespräch sowie Ihre Anregungen und wünsche Ihnen und Ihrer Familie für den weiteren beruflichen und privaten Lebensweg weiter alles Gute sowie viel Erfolg.